Plzeňské sympozia

Martin Schulze Wessel

Die Reform-Vorstellungen des tschechischen katholischen Klerus in den böhmischen Ländern und die Gründung der tschechoslowakischen Kirche (1918-1920)

245-254, resumé s. 253-254
Im Winter 1918 wurde auf Initiative des tschechischen Priesters und Schriftstellers Bohumil Zahradnik-Brodsky in den böhmischen Landern eine Umfrage unter den tschechischen Geistlichen durchgeführt, die über die kirchlich-politischen Vorstellungen des tschechischen katholischen Klerus Aufschluss geben sollte. An der Umfrage nahmen über 2 000 Geistliche, d. h. mehr als die Hälfte des tschechischen katholischen Klerus, teil. Unter den Teilnehmern an der Fragebogenaktion ergibt sich ein differenziertes Bild hinsichtlich ihrer Vorstellungen über eine Reform der katholischen Kirche. Wahrend die Forderungen nach einer materiellen Besserstellung der Geistlichen und nach einer Stärkung des Priesterstands gegenüber den Bischöfen unter den Teilnehmern an der Fragebogenaktion fast allgemein geteilt wurden, waren die Forderungen nach einer Abschaffung des obligatorischen Zölibats und der Kleidungsvorschriften für Priester umstritten. Ein erheblicher Teil der Befragten sprach sich für Kirchenreformen aus, die doch das Selbstverständnis des Klerusstands, wie es im Zölibat und der Priesterkleidung zum Ausdruck kam, nicht antasten sollten. In dem Meinungsbild ergeben sich Differenzierungen zwischen verschiedenen Klerusgruppen und zwischen verschiedenen Regionen: Kapläne waren im allgemeinen reformbereiter als Dechante (aber auch diese sprachen sich mehrheitlich für die Abschaffung des Zölibats aus), der Klerus der Diözesen Böhmens stand den vorgeschlagenen Neuerungen aufgeschlossener gegenüber als der Klerus der mährischen Diözesen. Die Fragebogenaktion wurde von vielen Geistlichen genutzt, ihre Haltung zu den Reformen auf der Rückseite der Fragebögen zu begründen. Eine qualitative Auswertung der Fragebögen zeigt, dass es für die Geistlichen das Verhältnis zur Laienwelt eine Schlüsselfrage war. Befürworter der Reformen sahen in den Neuerungen die einzige Möglichkeit, das Ansehen des Klerusstands durch eine Annäherung an die Lebensweise und Vorstellungswelt der Laien zu heben. Die Gegner der Reformen befürchteten durch diese Annäherung einen Verlust an Erhabenheit ihres Stands. Die Differenzen im Meinungsbild hinsichtlich der Kirchenreformen spiegelten unterschiedliche Vorstellungen vom idealen Priester: Sollte der Priester in der Welt stehen oder im bewussten Gegensatz zur Welt wirken? Die Fragebogenaktion hatte für ihren Initiator, den in der Reformbewegung des katholischen Klerus engagierten Priester Bohumil Zahradnfk-Broclsky, nicht nur die Funktion, ein Meinungsbild zu gewinnen, sondern sie sollte den tschechischen Klerus auch für das Reform Programm mobilisieren. Die selbstorganisierte Umfrage, die ohne die Erlaubnis der Kirchenhierarchie durchgeführt wurde, war aus der Sicht ihres Initiators ein Akt, mit dem sich der Klerus von der Kirchenhierarchie emanzipierte. Die Klerusbewegung Jednota gewann dadurch persönliche Informationen über die Geistlichen, sie brach damit das Informationsmonopol der bischöflichen Konsistorien. In dieser Hinsicht gehört die Fragebogenaktion zur Geschichte der Mobilisierung des tschechischen Klerus für Kirchereformen, die 1920 zum Schisma innerhalb der katholischen Kirche und zur Gründung der tschechoslowakischen Kirche führte.
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