Plzeňské sympozia

Josef Vojvodík

„Die Schrift des Körpers“: Zwischen einer unauslöschlichen Spur und ihrer Tilgung. Němcová, Mácha, die Poetik des Blutes und der mystische Eros

298–307 (tschechisch), Resumé S. 307 (deutsch)
Die Entwicklung der (prämodernen) Anthropologie und Medizin im 19. Jahrhundert war vom Beginn der Beschäftigung mit den Körperflüssigkeiten begleitet, nicht nur in den naturphilosophischen und ärztlichen Debatten sondern auch in der Literatur und der Malerei, was mit verschiedenen bildnerischen und textlichen Darstellungsarten verbunden war. Vor allem das Blut, aber auch die Tränen, der Schweiß oder das Sperma gewinnen eine mediale Funktion und werden zu einem Zeichenattribut im Spannungsfeld zwischen ihrer expliziten Thematisierung und dem „Auslöschen“ – oder zumindest der „euphemistischen“ Abdeckung – dieser (unauslöschlichen) Spuren des Präsentierens eines menschlichen Körpers in Text und Bild. Die Ideologie der Reinheit und der Moralität hat im 19. Jahrhundert konsequent darauf geachtet, die Tiefen und Turbulenzen der menschlichen Seele, die ihr gut bekannt waren, auch in den literarischen Texten und in den Werken der bildenden Kunst zu verbergen, sodass sie nur latent, der Tabuisierung untergeordnet und sich unterordnend geblieben sind. Dieses Postulat war vor allem eine Sache der inneren Zensur und hatte für die literarischen Texte selbstverständlich sehr wesentliche ästhetische Konsequenzen. Die biedermeierliche Identität (bleiben wir in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts) trägt ein Stigma; und ein sehr starkes Bedürfnis nach der Thematisierung einer solchen Identität entsteht zweifellos eben dort, wo ein subjektiv empfundener Anspruch auf sie und ein Defizit ihrer Erklärung besonders stark sind, wie es im Falle der missverstandenen oder tabuisierten Gefühle geschehen ist. Unter einer „Oberflächenfolie“ der scheinbaren Einfachheit und Unkompliziertheit der Kultur des Biedermeiers, mit ihrem Ziel der Vereinigung der Gegensätze und einer restitutio in integrum als eines idealen Zustands der Gesellschaft und des Individuums, versteckt sich eine tiefe Kluft zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit, zwischen der Idee und der Erfahrung, zwischen der äußerlichen Beschränkung und der inneren Freiheit, zwischen der Offenheit und der Entschlossenheit, zwischen der Geselligkeit und der Einsamkeit usw. Der Beitrag widmet sich der Strategie des Spurenhinterlassens der „Schrift des Körpers“ und ihrer (beinahe hysterischen) Tilgung in den Texten von Božena Němcová und Karel Hynek Mácha.
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