Plzeňské sympozia

Tomáš Hermann

Die Anthropologie, die Evolutionstheorie, das Leben einer Nation

15–26 (tschechisch), Resumé S. 25–26 (deutsch)
Anthropologie und Evolutionstheorie stellen zwei Disziplinen und Forschungsgebiete dar, die im 19. Jahrhundert wesentlich an der Wandlung des Selbstverstehens des Menschen im Rahmen der lebendigen Natur beteiligt waren. Die anthropologische und evolutionistische Forschung hat dabei wichtige argumentative Instrumente auch bei der Konstituierung der Vorstellung einer Nation als einer überpersönlichen Entität, einer geistig und leiblich verwandten Einheit, deren Bestandteil ein Individuum bildet und durch die es mental und wertmäßig determiniert ist, geliefert. Die böhmischen Länder waren dabei keine Ausnahme, wobei sie jedoch spezifische Züge aufwiesen, bedingt durch die Verhältnisse in der Habsburgermonarchie und die Existenz einer sich emanzipierenden nationalen Gesellschaft, ihrer Kultur und Wissenschaft, in der sich allmählich zwei nationale Gemeinschaften und deren Institutionen im Rahmen der historischen Grenzen der böhmischen Krone entwickelt haben. Die Anthropologie bildet hier, neben der Debatte über den Darwinismus, eine imaginäre zweite Säule zwischen den Disziplinen, die sich mit dem Leben und dem menschlichen Körper beschäftigen, eine Säule, die nicht nur zur Legitimierung der nationalen Selbständigkeit beitragen sondern auch praktisch für die Zukunft der Nation in der Form der gesundheitlichen Vorsorge dienen sollte. Der Beitrag beschäftigt sich mit der Formierung und Entwicklung der Anthropologie in den böhmischen Ländern vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zu dessen Ende. Ein wichtiges Element auf dem Weg der Anthropologie von ihren romantischen, naturphilosophischen Ausgangspunkten zu einer modernen Disziplin war der Historismus, der sich einerseits in der Form der Evolutionslehre aus der Biologie, und andererseits als kultur-historischer Aspekt, als Bedarf der Erforschung der Urgeschichte und Archäologie (mit den spätromantischen Vorstellungen über die slawischen Urzeiten) entwickelte. Die Lehre Darwins wurde seit den 60er Jahren zuerst der philosophischen Reflexion im Rahmen des tschechischen Herbartismus (Josef Durdík, 1837–1902) und der ideologischen Debatte über den Evolutionismus unterzogen. Der bedeutendste Theoretiker der Evolution unter den Biologen, der sich mit Darwin auseinandersetzte, war damals der Botaniker Ladislav Čelakovský (1834–1902). Die wichtigste Persönlichkeit jedoch, die ein selbständiges Fach Anthropologie formierte und den Raum für die Rezeption des Darwinismus schuf, war der Physiologe Jan Evangelista Purkyně (1787–1869), und zwar vor allem mittels des Kreises seiner um die Zeitschrift Živa gesammelten Prager Schüler und Mitarbeiter (Antonín Frič, Julius Sachs, vor allem aber der Anthropologe, Arzt und liberale Politiker Eduard Grégr). Die frühe Rezeption des Darwinismus und die wesentliche kultur-historische Erweiterung des Horizontes der Anthropologie hat zur universitären Institutionalisierung dieses Faches geführt, die mit den Namen Lubomír Niederle (1865–1944) und Jindřich Matiegka (1862–1941) verbunden ist.
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